Norwich Rüße sitzt für die Partei Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Im Nebenerwerb bewirtschaftet der Abgeordnete einen landwirtschaftlichen Bio-Betrieb mit 30 Hektar. Auf seiner Facebook-Seite gibt Norwich Rüße regelmäßig Einblick in seine Arbeit als Landwirt. So berichtet er Anfang Oktober nach der Maisernte:

“Maisernte 2016 – nach dem Häckseln wird der Mais in Rundballen gepresst. Die Maschine schafft in der Stunde etwa 50 Ballen mit ca. 320 kg Gewicht. Der Vorteil der Ballen ist eine extrem hohe Verdichtung und dadurch eine sehr gute Qualität der Maissilage, die bei mir auf dem Hof als Futter für Rinder und Schweine genutzt wird.”

Rüße lagert die Maissilage, die er als Futter für seine Tiere nutzt, also nicht in einem Silo, sondern packt sie in Ballen ab. Im Kommentarbereich begründet er das Verfahren:

“Die Nachteile sind die höheren Kosten für das Pressen sowie die Folie, die sich nur schwer recyceln lässt.
Es gibt aber auch noch weitere Vorteile. Ich muss keine Betonfläche für die Ballen haben, die Ballen sind dicht, so dass es keine Probleme mit Silagesaft in angrenzenden Gräben gibt, die Maissilage hält sich über zwei Wochen nach Öffnen der Ballen…
Insofern überwiegen für mich eindeutig die Vorteile.”

Normalerweise wird Mais- oder auch Grassilage in einem Fahrsilo gelagert, einer Beton- oder Asphaltplatte mit Stützwänden. Diese Siloanlage muss u.a. dicht und säurefest sein, weil die Sickersäfte das Grundwasser verschmutzen würden. Eine solche Platte zu bauen, kostet richtig Geld. Offensichtlich lohnt sich diese Investition für Norwich Rüße nicht, so dass er sogar eine beträchtliche Menge Plastikmüll in Kauf nimmt, die bei einem Fahrsilo nicht anfallen würde. Dabei haben die Grünen doch gerade erst der Plastiktüte den Kampf angesagt. Auch bei der Energiebilanz dürfte sich das Fahrsilo als die nachhaltigere Variante herausstellen.

Auf seiner Website gibt Norwich Rüße – wirklich mustergültig – Auskunft über seine Einkünfte. Er weist u.a. einen Gewinn aus seinem landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb von 6.000 Euro jährlich aus.

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Quelle: www.norwich-ruesse.net/transparenz/

Wie jeder Landwirt, der Flächen bewirtschaftet, erhält auch Norwich Rüße sogenannte Direktzahlungen aus dem Agrar-Etat der EU sowie Förderung aus Sonderprogrammen. Die Höhe der Zahlungen je Betrieb kann jeder Interessierte im Internet abrufen. Für den Betrieb von Norwich Rüße ergeben sich für das Jahr 2015 Zahlungen in Höhe von rund 24.000 Euro, davon sind allein 5645,20 Euro Öko-Prämien.

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Quelle: http://www.agrar-fischerei-zahlungen.de/Suche

Diese Betrachtungen machen nachdenklich: Die Grünen proklamieren in ihren Parteiprogrammen die bäuerliche Landwirtschaft als das Non plus ultra der Erzeugung von Lebensmitteln, zum Beispiel:

“Wir wollen eine vielfältige bäuerliche Landwirtschaft, die sich im Einklang mit der Natur befindet und die Rechte der Tiere achtet.”

Dabei zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass eine effiziente und nachhaltige Form der Bewirtschaftung auf kleinen Betrieben kaum möglich ist. Wie soll sich auf dem Betrieb von Norwich Rüße denn eine Siloplatte amortisieren, wenn da gerade einmal ein Gewinn von rund 6.000 Euro im Jahr anfällt? Und: Dieser Gewinn könnte ohne die Öko-Förderung aus Steuermitteln noch nicht einmal realisiert werden. Ich dachte immer, Bio boomt am Markt, dabei ist die Branche ohne Subventionen überhaupt nicht lebensfähig. Amtliche Statistiken, zum Beispiel die für Hessen, bestätigen, dass auch im Schnitt der Erlös nahezu komplett aus den Zuschüssen generiert wird. Bei dem grünen EU-Parlamentarier Martin Häusling gibt sich ein ähnliches Bild: Laut seiner offiziellen Erklärung  generiert er mit seinem landwirtschaftlichen Betrieb ein monatliches Einkommen von 500 bis 1.000 Euro (Einkommenskategorie 1). 12.897,50 Euro Öko-Prämien hat Häusling in 2015 erhalten – das passt. Forderungen von Bio-Bauern nach einer höheren Förderung des Öko-Landbaus fließen bei Erfüllung also direkt in deren Portemonnaie.

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Beim grünen Bundestagsabgeordneten Friedrich Ostendorff lässt sich leider nicht abschätzen, wie die für 2015 gezahlten rund 13.800 Euro Öko-Prämien zum Gewinn seines Bauernhofes beitragen. Er macht dazu auf seiner Abgeordnetenseite keine Angaben. Der Bio-Betrieb läuft vermutlich auf den Namen seiner Ehefrau.

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Ein Feld mit Bio-Ackerbohnen

An dieser Stelle kommt in der Regel  das Gegenargument mit den internalisierten Folgekosten der industriellen Landwirtschaft: Die Umweltschäden durch Agrarindustrie müsse die Gesellschaft schließlich auch bezahlen und diese Kosten spiegelten sich nicht im Preis für die Produkte wieder. Sorry, aber auch Bio-Landwirte bringen Mist und Gülle auf ihre Felder aus und produzieren somit Stickstoffemissionen. Da die Bio-Landwirtschaft ineffizient ist, sind die Biodiversitätsverluste je Ernteeinheit höher als im konventionellen Anbau. Und: Klimafreundlicher ist die Ökosparte per se auch nicht, das sagt zum Beispiel das letzte Gutachten der Wissenschaftlichen Beiräte beim BMEL “Klimaschutz in der Land- und Forstwirtschaft sowie den nachgelagerten Bereichen Ernährung und Holzverwendung” völlig klar.

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HNA, 30.08.2016, zu Eurostat-Daten

Hinzu kommt noch eine soziale Frage: In der Regel kaufen vor allem gut verdienende Menschen Bio-Lebensmittel. Ist es denn überhaupt gerechtfertigt, systematisch nach oben umzuverteilen? Der Anteil der Bevölkerung, der als arm gilt, wächst, die Einkommensungleichheit ebenso. Rund 50 Prozent der Menschen haben kein relevantes Vermögen, das heißt, sie leben von der Hand in den Mund. Kinder zu haben gilt bei uns inzwischen als Armutsrisiko. Ist es vor diesem Hintergrund gerecht, dass das Essen für die Reichen viermal so hoch – bezogen auf Feldfrüchte: doppelte Förderung bei halbem Ertrag – bezuschusst wird wie das für die Armen?

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3 thoughts on “Grüne G€ldverbrennung

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