“Kein Patent auf Leben” oder wie jetzt beim Aufruf zur nächsten Ausgabe der “Wir-haben-es-satt”-Demo in Berlin: “Agrarkonzerne – Finger weg von unserem Essen” – so argumentiert Big Green dagegen, dass sich Saatgutunternehmen bestimmte Eigenschaften ihrer Produkte patentieren lassen. Patente werden häufig in einem Atemzug genannt mit Grüner Gentechnik. Doch es gibt auch für konventionell gezüchtete Nutzpflanzen Patente, zum Beispiel auf eine Brokkolisorte. agrarheute.com schreibt:

“Das 2002 erteilte und nun in letzter Instanz vom EPA bestätigte “Brokkoli-Patent” der Firma Plant Bioscience bezog sich auf ein Auswahlverfahren, mit dem bei der Zucht von Brokkoli ein Anteil eines bestimmten, vermutlich krebsvorbeugenden Inhaltsstoffs in den Pflanzen erhöht werden kann. Das verwendete Züchtungsverfahren umfasst sowohl konventionelle Schritte als auch genetische Marker zur Kennzeichnung der verantwortlichen Stellen im Erbgut der Pflanzen.”

Mit dem Slogan “Patente auf Leben” werden häufig Verschwörungstheorien verknüpft. So schreibt der Anti-Biotechnologie-Verein Testbiotech auf einer Themenseite:

“Das Patentrecht wird dazu missbraucht, die Kontrolle über die genetischen Ressourcen und die Lebensmittelherstellung zu erlangen. Drei Konzerne – Monsanto, Dupont und Syngenta – kontrollieren inzwischen schon mehr als 50% des internationalen Saatgutmarktes und entscheiden damit auch, welche Pflanzen in Zukunft gezüchtet und angebaut werden. In Europa wurden schon über 2000 Patente auf Nutzpflanzen und ihr Saatgut erteilt.”

Wenn ich mich so im Supermarkt umsehe, habe ich das Gefühl, dass immer noch der Verbraucher entscheidet, was er kaufen und essen möchte. Und für den Verbraucher wird letztlich produziert: Als Landwirt baue ich das an, was ich auch am Markt absetzen kann. Mein Eindruck ist zudem, dass die Vielfalt im Obst- und Gemüseregal in den letzten Jahren zugenommen hat: So gibt es neben Dattel-, Cherry, Roma- und Rispentomaten auch noch Fleischtomaten, die “Rinderherz” heißen, und neben roten Tomaten auch welche in den Farben gelb, orange und dunkelgrün.

Was vielen vielleicht nicht bewusst ist: Auch Zuchtunternehmen, die konventionelles Saatgut herstellen, nehmen Lizenzgebühren. Und: Wenn der Bauer etwas von der eigenen Ernte im kommenden Jahr wieder aussäen will, werden sogenannte Nachbaugebühren fällig. Diese Regelung hat der Europäische Gerichtshof im Juli 2015 bestätigt. Trotzdem sind diese Nachbaugebühren manchen Landwirten ein Dorn im Auge. Es gibt sogar einen Verein, der dagegen aktiv vorgeht: Die Interessengemeinschaft (IG) Nachbau hat sich Ende 1998 am Rande einer Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) gegründet. Die IG Nachbau schreibt auf ihrer Homepage:

“Säen und Ernten, von der Ernte etwas aufbewahren, um es im nächsten Jahr wieder auszusäen – dies uralte Grundprinzip der Landwirtschaft soll nun nicht mehr uneingeschränkt möglich sein. Die Pflanzenzüchter verlangen nicht nur die – berechtigten einmaligen – Lizenzgebühren, wenn sie neues Saatgut an die Bauern verkaufen, sondern wollen auch die nächsten 25 bis 30 Jahre Geld, wenn der Bauer einen Teil seiner Ernte wieder als Saatgut einsetzt – sogenannten Nachbau betreibt.”

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Bild von der diesjährigen “Wir-haben-es-satt”-Demo: Transparent der IG Nachbau

Es gibt viele kleine und mittelständische Saatgutunternehmen. Nachbaugebühren sind für diese Firmen eine wichtige Einnahmequelle, damit sie ihren enormen Aufwand bei der Züchtung neuer besserer Sorten auch vergütet bekommen. Damit helfen diese Gebühren eigentlich, Vielfalt zu bewahren und Fortschritt zu ermöglichen. Das sehen sogar manche Grünen Politiker so.

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Quelle: Facebook

Dieser Beitrag aus der “hessenschau” gibt einen Überblick über die verschiedenen Positionen:

Wie in dem “hessenschau”-Beitrag angeklungen, steht besonders Hybridsaatgut in der Kritik, denn hier macht der Nachbau keinen Sinn, weil der Ertrag in der folgenden Generation deutlich zurückgeht. Das ist nicht boshaft von den Zuchtunternehmen eingebaut, sondern liegt in der Natur der Sache. Denn die Vorteile der Hybridsorten entstehen durch den sogenannten Heterosis-Effekt. Das Foto in dem folgenden Tweet zeigt das sehr anschaulich: Ich kreuze zwei ingezüchtete Liniensorten und erhalte in der F1-Generation eine bemerkenswerte Steigerung in der Leistungsfähigkeit. Kreuze ich die F1-Pflanzen untereinander mendeln sich die guten Eigenschaften wieder raus.

Wie es eigentlich zu dem Heterosis-Effekt kommt, wird von den Wissenschaftlern immer noch nicht genau verstanden. Als Landwirt muss ich mir überlegen, mit welcher Strategie ich auf meinem Standort besser fahre: Den Mehrertrag durch das Hybridsaatgut mitnehmen und jedes Jahr neues Saatgut kaufen oder beim Saatgut sparen. Man kann das auch als Chance begreifen und nicht als Zwang.

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