Wie Kommunikation gelingt – und wie nicht


Kommunikation ist lebensnotwendig – für das Individuum genauso wie für Organisationen, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen. „Man kann nicht nicht kommunizieren“ – dieser berühmte Satz von Paul Watzlawick bringt es auf den Punkt: Auch wenn ich mich nicht äußere, kommuniziere ich. Doch wer daraus schließt, dass proaktive Unterrichtung der Öffentlichkeit immer gerne gesehen wird, ist auf dem falschen Dampfer – so scheint es. Der Kurznachrichtendienst Twitter gleicht zuweilen einer Operation am schlagenden Herzen der Netzkultur. Vergangene Woche meldete sich dort die Journalistin Silke Burmester zu Wort:

Spätestens seit Bayer das Vorhaben bekannt gemacht hat, den amerikanischen Agrarkonzern Monsanto übernehmen zu wollen, wird das Unternehmen in der Öffentlichkeit besonders kritisch beäugt. Jetzt, wo der Deal perfekt ist, scheint sich die Ungnade zu vervollkommnen. Es ist ein völlig normaler Vorgang, dass sich Unternehmen und/oder Organisationen Beilagen zu Zeitschriften kaufen. Auch bei Zeitschriften mit der Zielgruppe „Journalisten und Medienmenschen“ ist das so. Man sollte gar meinen, dass gerade Journalistinnen und Journalisten besonders geeignet dafür sind, kruden Blödsinn, der manchmal PR-Broschüren nachgesagt wird, als solchen zu entlarven. Solch eine Arbeit entspricht schließlich deren Jobbeschreibung. Also, wo ist das Problem? Es entwickelte sich eine spannende Diskussion:

bayer vs burmester

Leider beantwortete Frau Burmester nicht alle meine Fragen, aber verstanden hatte ich bis hierhin, dass sie das Wort „Fakten“ stört auf der Broschüre eines Unternehmens, das auch noch unter besonderer Beobachtung steht. Leider blieb sie die angefragten Beispiele schuldig. Mehrere Nutzer – darunter einige Journalisten und Wissenschaftler – klinkten sich in die Debatte ein. Es ging um die Aufgabe von Journalismus im allgemeinen oder auch um die Frage, ob NGOs nicht ebenso kritisch wie Konzerne betrachtet werden müssen.

Wie die Bayer-Pressestelle später auf Nachfrage twitterte, betreibt das Unternehmen eine Website hier-sind-die-fakten.de, auf der die Inhalte aus der Broschüre präsentiert werden. – Mon dieu, welch Affront: Da steht schon wieder „Fakten“. – Doch mal von dieser vermeintlichen Dreistigkeit abgesehen, hätte man mit der Website eine allseits zugängliche Grundlage, um zu diskutieren, ob es sich hier wirklich um Fakten oder um Fake-News handelt. Doch nichts davon geschah. Stattdessen sendete Silke Burmester nach einigen Tagen eine weitere Botschaft:

Das ließ mich ratlos zurück: War ich jetzt damit auch gemeint? Schließlich hatte ich ein paar Mal nachgefragt. Maskulinisten sind übrigens, Personen die sich für die Überlegenheit der Männer einsetzen. Ich – eine Maskulinistin? Nach ein paar Stunden fasste ich Mut und fragte nach:

Leider gab es darauf keine Antwort. Fürs Protokoll: Die Zuordnung zu den Rechten empfinde ich als blanke Unverschämtheit, falls ich auch gemeint gewesen sein sollte.

Verständnis für Frau Burmester gab es von Bernd Ziesemer, seines Zeichens ehemaliger Chefredakteur des Handelsblatts sowie Vorsitzender der Kölner Journalistenschule:

In der angesprochenen Kolumne entwickelt Ziesemer eine Verschwörungstheorie: Die Übernahme von Monsanto würde sich für Bayer nur dann lohnen, wenn der Herbizid-Wirkstoff Glyphosat nicht verboten würde. Deswegen würde der Konzern zu fragwürdigen verdeckten PR-Methoden greifen. Dabei versteigt sich Ziesemer und stellt Autoren der Website novo-argumente.com sowie des gleichnamigen Printproduktes unter Generalverdacht:

„Die Novo-Schreibkräfte bilden eine der heißesten Krawalltruppen der politischen Debatte – und sie veröffentlichen ihre Traktate mittelbar auch mit dem Geld von Bayer und anderen Konzernen.“

Zu dieser „heißen Krawalltruppe“ darf ich mich übrigens auch zählen, denn von mir sind zwei Texte über Glyphosat dort erschienen – honorarfrei allerdings. Weiter schreibt Ziesemer:

„Bayer-Mitarbeiter verknüpfen ihre Thesen zur Bestätigung gern mit Pro-Glyphosat-Lobbyisten, die auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen sind, zum Beispiel mit Martin May („Glyphosat ist weniger giftig als Kochsalz!“), Sprecher des Industrieverbands Agrar.“

Der Jobtitle von Martin May ist in seinem Twitter-Profil klar angegeben und die Angabe zur Giftigkeit von Glyphosat stimmt. Hier zeigt sich ein Phänomen: Vor lauter Interessen, die in der Kommunikation über Pflanzenschutzmittel gesehen werden, geraten die Sachinformationen – die Fakten (!) – völlig ins Hintertreffen. Nach internationalen Standards für akute Toxizität (LD 50 Ratte oral) ist Glyphosat weniger toxisch als Kochsalz. Und das ist nicht die Wahrheit von Monsanto oder die Wahrheit von Bayer, das ist einfach so und das kann man zum Beispiel hier oder hier nachschlagen.

Zurück zu Silke Burmester, ihr Fazit zur Diskussion lautet:

Erst maskulinistisch und rechts, jetzt „Anhänger*in des Bayer-Konzerns“ – das nennt man heutzutage übrigens „Framing“: Äußerungen einer Person oder Geschehnisse in einem bestimmten Zusammenhang stellen und damit eine Deutung vorgeben. Wenn andere Autoren und Medienleute das zum Beispiel im Zusammenhang mit der Migrationsdebatte praktizieren, ist das verpönt, aber sich auf der guten Seite wähnend, erlaubt man sich das ganz ohne Scham.

Worauf ich hinaus will: Kommunikation kann gelingen, wenn mit offenen Karten gespielt wird und wenn alle Beteiligten bei der Sache bleiben. Die Skepsis von Frau Burmester, dass Bayer in der Broschüre keine Fakten, sondern eigene Wahrheiten präsentiert, hätte sie ja mit Beispiel untermauern können. Hat sie aber nicht. Auch auf die Fragen und Hinweise, ob denn eine NGO-Broschüre gleichermaßen aufstoßen würde, hat sie nicht reagiert. Der Vergleich mit den Paintball-Spielern in der Dunkelheit ist letztlich eine Abwertung: Man hat es nicht nötig, auf die sachlichen Kommentare zu antworten, schließlich sind die ja eh nur von Interessen geleitet, sind gleichförmig und planlos. Jeder Mensch bezweckt etwas mit seiner Kommunikation und damit steckt auch hinter jeder Äußerung ein Interesse: Informieren, Verkaufen, Präsentieren, um Verständnis werben, Mitgefühl erbitten und auch einfach sagen, was ist. Und nur weil ein Unternehmensvertreter etwas behauptet, ist es deshalb nicht automatisch falsch. Wer auf Twitter unterwegs ist, dem unterstelle ich jetzt einmal grundsätzlich Dialogbereitschaft. Aber Dialog ist keine Einbahnstraße und funktioniert nur mit gegenseitigem Respekt. Eine dumpfe Ad-hominem-Replik mit herabwürdigenden Attributen, die sich aus dem Verlauf der Diskussion nicht erschließen, ist letztlich eine diskursive Bankrotterklärung.

Man könnte so ein Verhalten als handwerkliche Fehlleistung auf sich beruhen lassen, aber ich glaube, dieses persönliche Abqualifizieren in den Netzdebatten richtet gesamtgesellschaftlichen Schaden an. Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat der britische Schauspieler Jonathan Pie (mit bürgerlichem Namen „Tom Walker“) eine Wutrede gehalten: „The left did this“ – die Linke ist schuld an der Wahl von Trump und auch am Brexit. Sie argumentiere nicht mehr, sondern beschränke sich darauf, Andersdenkende zu etikettieren:

„The left is responsible for this result because the left have now decided that any other opinion, any other way of looking at the world is unacceptable. We don’t debate anymore because the left won the cultural war. So, if you’re on the right, you’re a freak, you’re evil, you’re racist, you are stupid, you are a basket of deplorables. How do you think people are going to vote if you talk to them like that? When has anyone been persuaded by being insulted or labeled?“

Jemanden überzeugen, indem ich sie oder ihn beleidige, funktioniert nun einmal nicht. Nach der Trump-Wahl ist auch hierzulande viel über Eliten und Politikstil diskutiert worden. Leider verlief diese Debatte im Sande und daher gilt die Analyse von Jonathan Pie alias Tom Walker auch heute noch:

„Being offended doesn’t work anymore. Throwing insults doesn’t work anymore. The only thing that works is caring and doing something, and what we have to do is to engage in the debate. „

Bildnachweis: Jason Rosewell on Unsplash

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Kategorien:Journalismus allgemein, Landwirtschaft, Lobbyismus, Medien, Politik, Public Relations, Social Media, Transparenz, WissenschaftSchlagwörter:, , , , , , , ,

9 Kommentare

  1. Liebe Susanne, prima Beitrag, berührt wichtige Aspekte dieser üblen, eigentlich nutzlosen Diskussion um die Gentech. Leider ist es so, dass der Effekt der Stigmatisierung riesig ist, die Gentech-Industrie ist diesem fanatischen, alle Rationalität verachtenden Gefühl ebenso unterworfen wie früher die Hugenotten, die Schwarzen in Südafrika und weltweit, die religiösen Minderheiten wie die Juden früher und heute wieder weltweit usw. usw. (alle zwar keine Musterknaben!) Das eigentliche Problem in dieser Diskussion ist der unreflektierte „Industrie-Rassismus“ – leider. Es ist an der Zeit, diese Problematik direkt und ohne Diskurs-Rücksichten und mit peinlichen historischen Reminiszenzen anzusprechen.

    Typische Diskussionen unten:

    Fruehschuetz Leo and Niggli Urs (20160411) Ein Interview mit Folgen: FiBL-Direktor Urs Niggli bringt mit seiner Sicht auf bio-markt.info bio verlag gmbh Aschaffenburg 3 pp http://bio-markt.info/berichte/ein-interview-mit-folgen-fibl-direktor-urs-niggli-bringt-mit-seiner-sicht-auf.html AND http://www.ask-force.org/web/Organotransgenic/Fruehschuetz-Ein-Interview-mit-Folgen-20160411.pd

    Prange Oliver (20071212) INGO POTRYKUS. Der wahre Genskandal. interviews419 persoenlich.com persönlich Verlags AG Zürich pp http://www.persoenlich.com/sites/default/files/interviews419.pdf AND http://www.ask-force.org/web/Golden-Rice/Prange-INGO-POTRYKUS-Der-wahre-Genskandal-persoenlich-20171212.pdf

    May Martin and AGRAR Industrieverband (20160106) Erträge im Ökolandbau fallen weiter zurück, Moderne Landwirtschaft baut Produktivitätsvorsprung weiter aus Bio-Betriebe brauchen für gleiche Erntemenge mehr als die doppelte Fläche. English: Income in organic farming continues to fall back Modern agriculture is further expanding productivity advantage Organic farms need more than twice the surface of same volume of harvest AGRAR Frankfurt 2 pp http://www.presseportal.de/pm/16070/3218093 AND http://www.ask-force.org/web/Organotransgenic/Agrar-Ertraege-Oekolandbau-fallen-weiter-zurueck-20160106.pdf AND english: http://www.ask-force.org/web/Organotransgenic/Agriculture-Yields-fall-back-again-engl-20160106.pdf

    Münkler, H. (20180307) Wer nicht kämpfen will, hat schon verloren, Neue Zürcher Zeitung Zürich, Switzerland 5 pp https://www.nzz.ch/feuilleton/wer-nicht-kaempfen-will-hat-schon-verloren-ld.1363311 AND http://www.ask-force.org/web/Discourse/Muenkler-Wer-nicht-kaempfen-will-hat-schon-verloren-20180307.pdf

    Und von einem Autoren, dem ich beileibe nicht aus der Hand fresse, aber hin und wieder legt er den Finger auf wunde Diskurs-Themen, wenn hier auch die Gentech weggelassen wird:

    Köppel Roger (20171006) Die Dummheit der Gescheiten Die Weltwoche Die Weltwoche Zürich 7 pp http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2017-40/artikel/die-dummheit-der-gescheiten-die-weltwoche-ausgabe-402017.html AND http://www.ask-force.org/web/Discourse/Koeppel-Die-Dummheit-der-Gescheiten-und-Kommentare-20171006.pdf

    herzliche Grüsse und WEITER SO, Klaus

  2. Ich war jetzt eineinhalb Wochen mit dem örtlichen Zeltlager eingebunden und war quasi raus aus der Nachrichtenwelt. Der Tweet von Frau Burmester und die anschließende Diskussion ist das erste, was ich nach meiner öffentlichen Auszeit intensiver verfolgt habe.
    Diese von Dir angesprochenen Tweets finde ich übrigens auch sehr unverschämt. Das reiht sich irgendwie ein in die Versuche einiger (zu vieler) (eigentlich renommierter) Journalisten, uns Agrarblogger zu diskreditieren bzw. kalt zu stellen. Was passt da bessert, als uns in die rechten Ecke zu schieben.
    Um in der WM-Sprache zu sprechen: Das war ein klares Foul mit Nachtreten!

  3. Für jede Studie, die Bayer mit Fakten vorlege, könnte eine Umweltorganisation eine vorlegen, die zu ganz anderen Ergebnissen käme.

    Deswegen wäre das Wort „Fakten“ mehr als heikel. So Frau Burmester.

    An sich bestätigt Frau Burmester, was wohl manche annehmen – Studien von Umweltorganisationen seien mehr als heikel.

    Das ist jedenfalls die Behauptung von Frau Burmester.

    Es kann gar nicht anders verstanden werden, wenn man ein wenig Sinn für Sprache hat.

    Ich finde es klasse, dass Frau Burmester in der Lage ist, die interessengeleiteten Betrügereien ihr nahestehender Umweltorganisationen so bloß zu stellen.

    Ein sehr guter erster Schritt, die Verlogenheit von Aktivisten und irgendwie Medienschaffenden hinter sich zu lassen.

  4. Was mich an diesem kleinen Dialogbeispiel auf Twitter anwidert, ist die fehlende journalistische Professionalität, das Abqualifizieren Andersdenkender, die einen Sachverhalt durchaus bereichern (können), und die fehlende Kritikfähigkeit. Ja, solche Beispiele tragen zum schlechten Leumund unserer Journalisten bei; mit ein wenig mehr Abstand und Objektivität und vielleicht sogar einer Entschuldigung, ließe sich diese Entwicklung leicht durchbrechen. Da kommt aber nichts. Keine Selbsterkenntnis, gar nichts. Wo lernen „unsere“ Journalisten heute?
    Also, liebe Frau Günther, weiter so. Nicht schweigen, sondern wehren. Das machen Sie auf Ihrer sachlichen und hinaufgerechten und stets gut belegten Art und Weise sehr gut

  5. „False Balance“ (https://en.wikipedia.org/wiki/False_balance) ist der Fachbegriff für das, was Frau Burmester da macht. Es geht nicht um die Anzahl der Studien, es geht um die Qualität der Daten. Die zu beurteilen macht allerdings Mühe. Um sich die Mühe zu sparen, kann man Expert*Innen trauen. Sie mach das Gegenteil und diskreditiert reflexhaft die Expert*Innen aus der Wissenschaft. Wahrscheinlich weil sonst ihr Weltbild Kratzer bekäme.

  6. Liebe Frau Günther, vielen Dank für Ihren Beitrag. Man, nein ich fühle mich tatsächlich so unsäglich hilflos angesichts der platten ad hominem Argumente, die einen immer wieder begegnen. Wie kann man das ändern? Ich weiß es nicht! Ihnen viel Kraft für den Kampf gegen die Windmühlen!

  7. Hallo Susanne,
    ein sehr guter Artikel über sehr schlechte Zustände in der öffentlichen Diskussion vieler (oft in der Wissenschaft alles andere als) kontroverser Themen.

    Zwei kleine Fehler haben sich eingeschlichen: Der Kochsalz-Link funktioniert nicht (zumindest bei mir), dieser hier schon: http://gestis.itrust.de/nxt/gateway.dll/gestis_de/001330.xml

    Jonathan Pie sagte „persuated“, nicht „pursued“ im letzten Satz Deines Zitats.

    Alles Gute beim Kampf um eine faktenbasierte Kommunikation!

  8. Die Auffassung von Frau Burmester zu Fakten und Meinungen sind ziemlich krude und es ist wirklich schade, dass sie kein Beispiel geben will.

    Die Anwort von Bayer: „Oh, sorry! Wir hatten völlig vergessen, dass Unternehmen ihre Positionen gegenüber Journalisten nicht artikulieren dürfen. Passiert nicht wieder.“
    Diese Antwort ist allerdings auch problematisch. Kritik wird so interpretiert, dass der andere behauptet man dürfe das nicht. Dabei bleibt von Bayer völlig unklar, welchen Begriff von „dürfen“ sie hier unterstellen und wie ironisch das gemeint ist.
    Kritik an einer Meinungsäußerung, muss dabei nicht bedeuten, dass der andere diese nicht äußern durfte.
    Auch Bayer dreht damit die Ausseinandersetzung weiter weg vom Inhalt. Ich verstehe das „wird nicht wieder vorkommen“ ironisch und den umgedrehten Vorwurf die Kritik hätte das Ziel Rechte on Bayer zu beschneiden. Es wirkt als würde Bayer sich hier in die Opferecke stellen, um den anderen als Täter zu inszenieren. Komischerweise scheint Frau Burmester das mit der Ironie anders zu sehen.

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