Am 25. Juli 2018 wird der Europäische Gerichtshof entscheiden, ob neue Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas unter das Gentechnik-Recht fallen sollen oder nicht. Grünen-Chef Robert Habeck hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, dass der Einsatz dieser Techniken auf jeden Fall reguliert werden muss. Die FDP-Bundestagsabgeordnete Carina Konrad plädiert für einen pragmatischen Ansatz im Umgang mit den neuen Technologien.

Frage: Frau Konrad, in Ihren Bundestagsreden ergreifen Sie Partei für die Landwirtinnen und Landwirte im Land. Welche Rückmeldungen haben Sie dazu bislang bekommen?

Antwort: Ich bin selbst Agraringenieurin, Landwirtin und Mutter. Diesem direkten Bezug zur Landwirtschaft verdanke ich meinen Antrieb und meine Motivation, mich in landwirtschaftliche Debatten einzubringen. Die Landwirtschaft ist viel besser als ihr Ruf. Auf meine Arbeit bekomme ich viel positive Resonanz aus der Landwirtschaft direkt und aus dem vor- und nachgelagerten Bereich. Besonders auch von Frauen, die mich für meinen Einsatz loben. Das freut mich sehr.

Frage: Gab es auch negative Resonanz?

Antwort: Klar. Wenn man eine Haltung hat, finden sich immer auch Menschen, die eine andere Haltung haben. Das ist ja auch gut so und ein wichtiger Bestandteil unserer Oppositionsarbeit. Als ich mich beispielsweise gegen einen nationalen Glyphosat-Ausstieg positioniert habe, gab es natürlich auch Gegenwind. Damit kann ich umgehen. Erschreckend finde ich aber die Verrohung der Sprache in sozialen Netzwerken. Wenn man mit Sprache konfrontiert wird, die weder sachlich noch an der Sache ist und die man, glaube ich, nie jemandem persönlich ins Gesicht sagen würde, schockiert das.

Frage: “Insektensterben”, “Nitrat-Klage”, “Glyphosat-Ausstieg”, “Massentierhaltung” – die öffentliche Debatte über Landwirtschaft wird von Schlagworten dominiert. Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Arbeit?

Antwort: Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, die Abschaffung der Landwirtschaft in Deutschland aufzuhalten. Verbot von synthetischen Pflanzenschutzmitteln, Verschärfung der Düngeverordnung, das alles sind politische Forderungen, die sich aus diesen populistisch geführten Debatten ergeben. Diskutiert wird dabei von selbsternannten Experten, die das Thema Landwirtschaft missbrauchen, um in der Wählergunst der Nichtlandwirte zu steigen, indem sie mit falschen, vermeintlich wissenschaftlichen Studien, Angst und Panik verbreiten. Statt vor Ort die Probleme mit den Akteuren gezielt anzugehen und nach Lösungen zu suchen, wird regelmäßig eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Das führt nicht zu Verbesserungen, sondern zerstört die Existenz der landwirtschaftlichen Familienbetriebe, genau die also, die wir doch eigentlich erhalten wollen. Junge, gut ausgebildete Landwirte gehen lieber woanders arbeiten, statt den Hof zu übernehmen. Damit wird sich die Produktion weiter ins Ausland verlagern, die Hühnerhaltung hat das bereits gezeigt. Für den Verbraucher verbessert sich nichts, für die Umwelt verbessert sich nichts.

Frage: Grünen-Chef Robert Habeck hat kürzlich im Interview mit der FAZ (€) behauptet, die anderen Parteien hätten sich zu den neuen Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas und Co noch gar nicht positioniert. Stimmt das? Hat die FDP dazu keine Meinung?

Antwort: Wir Freie Demokraten setzen auf einen vorurteilsfreien und transparenten Umgang mit neuen Technologien, so auch bei der Gentechnik und den neuen Züchtungsmethoden. So steht es auch in unserem Wahlprogramm. Interessant ist aber schon, dass diese Kritik ausgerechnet von den Grünen kommt. Ich erinnere daran, dass Herr Habeck, als er das Thema “neue Züchtungsmethoden” lautstark auf die Agenda gesetzt hat, umgehend von Herrn Häusling in die Schranken gewiesen wurde.

Frage: Herr Habeck will, dass die modernen Verfahren auch reguliert werden sollen wie die klassische Gentechnik. Wie sehen Sie das?

Antwort: Das wäre staatlich verordnete Ineffizienz. Die neuen Züchtungsmethoden unterliegen bereits strengen Vorgaben und wir brauchen insbesondere in der Landwirtschaft Pflanzensorten, die sich schneller an Klimaveränderungen und Krankheiten anpassen können. Ich sehe hier also ganz konkret die Chancen: Ohne die von Herrn Habeck angestrebten Regulierungen könnten alle enorm von Züchtungsfortschritten profitieren. Im Ökolandbau könnte man vor allem beim Wein, aber auch in Kartoffeln und anderen Kulturen Pilzresistenzen enorme Kupfermengen einsparen, die derzeit dort nicht zu ersetzen sind und u. a. schädlich auf die Regenwürmer wirken. Und in der konventionellen Landwirtschaft könnten Pflanzenschutzmittel eingespart werden durch Resistenz gegen Schädlingsfraß bei Mais, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Mittels Genome Editing entwickelte Pflanzen unter die Definition für einen gentechnisch veränderten Organismus zu stellen, wäre ein herber Schlag für den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Denken Sie an alle kleinen und mittleren Unternehmen, die kaum noch eine Chance hätten, mit den großen mitzuhalten, weil die Verfahren schlichtweg zu teuer würden. Da sie ihren Standort nicht mal eben ins Ausland verlagern können, wären sie von Zukunftstechnologien abgeschnitten. Neue Züchtungsmethoden mit den hohen bürokratischen Gentechnikauflagen zu belasten, hilft nur den großen Anbietern von Saatgut und koppelt die kleinen – oft noch von Familien geführten – Zuchtbetriebe vom Markt ab. Das kann meinem Verständnis nach nicht im Sinne der Zukunft deutscher Forschung und Innovation sein. Schließlich sind es besonders die regionalen Züchter, die schnell auf die Gegebenheiten vor Ort eingehen können und ihren Standort kennen.

Frage: Im Koalitionsvertrag schreiben die Regierungsparteien: “Im Anschluss an die noch ausstehende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu den neuen molekularbiologischen Züchtungstechnologien werden wir auf europäischer oder gegebenenfalls nationaler Ebene Regelungen vornehmen, die das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit gewährleisten.” Haben Sie schon einen Tipp, in welche Richtung sich die Bundesregierung bewegen wird?

Antwort: Die fehlende Absprache und die Disharmonie zwischen den zuständigen Ministerien sind offenbar. Sagt Klöckner “hüh”, sagt Schulze “hott” und umgekehrt. Durch die Vereinbarung im Koalitionsvertrag hält sich die SPD das Hintertürchen der nationalen Regelung offen und die Erfahrung aus der letzten Legislatur zeigt ja die Durchsetzungsstärke der SPD.

Frage: Was macht Sie da so sicher?

Antwort: Das Bundesumweltministerium hat ja bereits vorgesorgt. In puncto Wahlfreiheit wurden ja durch die Fachstelle für Gentechnik und Umwelt frühzeitig die Meinungen bestellt, die demnächst gebraucht werden. Das ist ein bisher einmaliger Vorgang in einer Bundesregierung. Ich bin entsetzt darüber, dass die Bundesregierung mit der Beauftragung einer sogenannten „Fachstelle für Gentechnik und Umwelt“ offiziell Forschungspolitik durch Meinungspolitik ersetzt. Wer hier Expertise und eine ausgewogene Darstellung von fachlich aufgearbeiteten Argumenten erwartet, wird leider maßlos enttäuscht. Hier werden keine Fachleute mit unabhängiger wissenschaftlicher Expertise benannt, stattdessen setzt man auf Meinungsbildung mit selbsternannten Experten, die bekannte Gentechnikgegner sind. Diese bekommen hierdurch einen offiziellen Anstrich, obwohl der so aussehen müsste, dass sie unabhängig und vor allem unvoreingenommen bewerten, ohne ihr Ergebnis zuvor schon zu kennen. Man muss sich das mal vorstellen: Hier soll ein Beirat, dem Aktivisten durchweg gentechnikkritischer NGOs angehören, beobachten, wie NGOs sich effektiv in die gesellschaftliche Meinungsbildung einbringen können. Das wäre so, als würde eine von der Bundesregierung eingerichtete Fachstelle für Kernenergie und Atomsicherheit mit dem Deutschen Atomforum besetzt. Der Aufschrei wäre – zu Recht – riesig und die Welle der Empörung groß. Genauso ist das hier. Das Ergebnis ihrer Beratung steht bereits heute fest, und schlimm daran ist, dass die Informationen, die Fachstelle und Beirat “dem öffentlichen Diskurs” zur Verfügung stellen werden, auch noch faktisch falsch sind.

Frage: Wenn Sie auf die vergangenen Monate zurückblicken, was hat Sie am meisten überrascht?

Antwort: Dass es so lange gedauert hat, bis die Menschen verstanden haben, warum Jamaika nicht funktionieren konnte.

Frage: Und am meisten gefreut?

Antwort: Dass meine Familie mich mit Rat und Tat und Verständnis unterstützt, denn ohne diese Unterstützung wäre das alles nicht möglich.

 

Zur Person:

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Carina Konrad wurde 1982 im Hunsrück geboren. Dort bewirtschaftet sie heute mit ihrer Familie einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Ackerbau und Viehzucht. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Die studierte Agraringenieurin (FH) wurde 2017 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Carina Konrad ist stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft.

Bildnachweis: Peter Dhein, pd Fotografie

 

 

Bildnachweis: Peter Dhein, pd Fotografie

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