Offener Brief zur Berichterstattung über die Untersuchung von Bündnis90/Die Grünen zu Glyphosat in der Muttermilch

Mit großer Sorge haben wir die Pressereaktion auf eine von Bündnis 90/Die Grünen in Auftrag gegebene Untersuchung zu Glyphosat in Muttermilch-Proben zur Kenntnis genommen.

In zahlreichen Medien wurden Inhalte und Schlussfolgerungen aus der Pressemitteilung einer politischen Interessengruppe ungeprüft übernommen und nicht angemessen gewichtet.

So werden in der Pressemitteilung die ermittelten Werte mit den Trinkwasser-Grenzwerten verglichen. Diese Grenzwerte sind allerdings pauschaler Natur, gelten für alle Arten von Pflanzenschutzmitteln und Bioziden. Sie sind nicht geeignet, um daraus eine etwaige Gesundheitsgefährdung abzuleiten (http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/trinkwv_2001/gesamt.pdf).

Ausschlaggebend für die Bewertung der Gesundheitsgefährdung ist die in der EU zulässige Tagesaufnahme, kurz ADI (acceptable daily intake). Diese liegt für Glyphosat bei 0,3 mg pro Kilogramm Körpergewicht.

Ein vier Kilo schwerer Säugling müsste also von der in der Stichprobe am stärksten belasteten Muttermilch mehr als 2777,778 Liter am Tag (!) trinken, um diesen Grenzwert zu überschreiten.

Und selbst darüber hinaus ist nicht von einer Gesundheitsgefährdung auszugehen: So hat die WHO für Glyphosat einen ADI-Wert von 1,0 mg/kg festgelegt. Einen Grenzwert für Glyphosat im Trinkwasser hat die WHO gar nicht bestimmt: “Under usual conditions, therefore, the presence of glyphosate in drinking-water does not represent a hazard to human health, and it was not deemed necessary to establish a guideline value for glyphosate.” (http://www.who.int/water_sanitation_health/dwq/fulltext.pdf, S. 379)

Auf mehrfache Nachfrage hin veröffentlichte die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen am 27.6. schließlich die Messergebnisse auf ihrer Facebook-Seite (http://www.gruene-bundestag.de/fileadmin/media/gruenebundestag_de/themen_az/agrar/150622_Anonymisierte_Testergebnisse_Glyphosat.pdf). Die Daten auf dem zweiseitigen Befundfax entsprechen nicht den wissenschaftlichen Standards und stehen in keinem Verhältnis zur Berichterstattung.

Die wesentlichen Kritikpunkte sind im Fact-Sheet zusammengefasst.

Journalisten haben die Aufgabe, Informationen zu sortieren, zu strukturieren, einzuordnen und letztlich zu bewerten. Es wäre mehr als bedauerlich, wenn jetzt Mütter aufgrund der oberflächlichen Berichterstattung verunsichert würden und ihren Kindern die so wichtige Muttermilch aufgrund unrealistischer Ängste vorenthalten. Wir appellieren nachdrücklich an alle Medienvertreter, gerade Verlautbarungen von Interessengruppen und Parteien stets einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Die Aufmerksamkeit, die das Pflanzenschutzmittel Glyphosat derzeit in der Berichterstattung erhält, hat ihre Ursache in der Neubewertung, die die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) derzeit für die EU durchführt, und in der weltweit sehr breiten Anwendung. Sie liegt jedoch nicht in einer besonderen Schädlichkeit für die Natur oder besonders hohen Giftwirkung für den Menschen. Gleichwohl gilt für Glyphosat, was auch für andere Pflanzenschutzmittel gilt: Es sollte nur bei Bedarf und in möglichst geringer Menge angewendet werden.

Für Rückfragen stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung.

Wolfgang Nellen, Dr. rer.nat.
Prof. f. Genetik i.R.
Johann Gottfried Herder Fellow
Brawijaya University, Malang, East Java

Christel Happach-Kasan, Dr. rer. nat.
ehem. MdB
Schwalbenweg 18
23909 Bäk

Susanne Günther
schillipaeppa.net
Ringstraße 4
34513 Waldeck

Thomas Wengenroth
Fachjournalist
www.stallbesuch.de
Höhenstrasse 29
64720 Michelstadt

Fact Sheet

Die Ergebnisse der Untersuchung (die vielfach als „Studie“ bezeichnet werden) wurden am 27.6.2015 (also nach der Pressemitteilung) auf Facebook öffentlich zugänglich gemacht (http://www.gruene-bundestag.de/fileadmin/media/gruenebundestag_de/themen_az/agrar/150622_Anonymisierte_Testergebnisse_Glyphosat.pdf).

Autorin der Studie: Dr. med. vet. Marianne Reinboth, Tierärztin ausgewiesen durch eine Publikation zur Bioverfügbarkeit von Quercitin beim Hund (The British journal of nutrition 104(2):198-203 March 2010). Quelle: PubMed

BioCheck (Labor für Veterinärdiagnostik und Umwelthygiene) ist ein nach DIN EN ISO/IEC 17025:2005 akkreditiertes Prüflabor. Im Leistungsverzeichnis des Labors (http://biocheck-leipzig.de/images/stories/biocheck/pdf/leistungsverzeichnis.pdf) wird keine Untersuchung auf Glyphosat aufgeführt.

Fachliche Beurteilung der Daten:

1) Es fehlen Angaben zur Auswahl der Probandinnen und zur Gewinnung der Proben.

2) Die Ergebnisse beschränken sich auf eine Tabelle mit Messwerten. Es sind keine Standardabweichungen angegebenen.

3) Laut Legende wurde ein nicht akkreditiertes Verfahren eingesetzt.

4) Es werden keine Kontrollen oder Referenzwerte angegeben.

5) Eine genaue Beschreibung der Methode fehlt. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist der angewendete ELISA Test für wässrige Lösungen, nicht aber für fetthaltige Proben geeignet.

6) Die vorgelegten Daten entsprechen nicht den Standards, die für eine wissenschaftliche Evaluierung der Messergebnisse ausreichen, oder eine Validierung erlauben.

7) Die vom BfR in einer ersten Stellungnahme (http://www.bfr.bund.de/cm/343/einschaetzung-zu-gehalten-von-glyphosat-in-muttermilch-und-urin.pdf) aufgeworfenen Fragen können aus den vorgelegten Daten nicht beantwortet werden.

So schreibt das BfR: „Die dem BfR bekannten ELISA-Tests sind jedoch für die Bestimmung von Glyphosat in Wasserproben vorgesehen, eine Eignung für Milch ist nicht belegt. Die empfindlichste Analysenmethode (die Bestimmung mittels flüssigchromatographischer Verfahren) erlaubt nur eine Bestimmungsgrenze von 10 Nanogramm pro Milliliter. Insbesondere die Befunde in Muttermilch liegen jedoch deutlich darunter und können ohne genaue Aussagen zur verwendeten Analysenmethode nicht beurteilt werden.“

Es ist somit völlig unklar, wie die ermittelten Werte zustande gekommen sind. Eine Aussage zu einer etwaigen Gesundheitsgefährdung erlauben diese Daten auf keinen Fall. Eine solche zu suggerieren, ist fahrlässig.

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