In der kommenden Woche sollen die EU-Mitgliedstaaten entscheiden, ob der Herbizid-Wirkstoff Glyphosat in der EU weiter eingesetzt werden darf. Grüne und NGOs überbieten sich im Propaganda-Showdown mit Offenen Briefen, Urin-Analysen und dem Streuen von Gerüchten. Die Deutungshoheit ist hart umkämpft. Unter anderem heißt es, die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) habe bei der Neubewertung geschlampt. Es gäbe Lücken bei den wissenschaftlichen Daten, schreibt die Fraktion der Grünen im EU-Parlament.

luecke

Lücken gibt es vor allem bei der Neubewertung des Herbizids 2,4-D (oder auch 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure): Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO hat im Juni 2015 die Substanz 2,4-D als möglicherweise krebserregend (Gruppe 2B) eingestuft. Der 8 (in Worten: “acht”) Seiten (!) umfassende Review-Report schweigt sich zur Einordnung der IARC völlig aus.

Dabei hatte Christoph Then von Testbiotech e.V. noch Anfang 2014 eindringlich vor den Risiken des Wirkstoffs 2,4-D gewarnt. Er zitiert Hans Muilerman vom Pesticides Action Network (PAN) Europe:

“Das Unkrautvernichtungsmittel ist durch seine Verwendung als ein Bestandteil von Agent Orange im Vietnam-Krieg bekannt. Die verheerende Wirkung auf die menschliche Gesundheit wurde damals vor allem durch Verunreinigungen mit Dioxin verursacht, das als toxisches Nebenprodukt bei der Herstellung von 2,4-D auftreten kann und unter anderem als krebserregend und als schädlich für das Immunsystem gilt.”

Basis der Warnung ist ein ausführlicher Bericht, den Lars Neumeister, nach eigener Auskunft “unabhängiger Pestizid-Experte”, im Auftrag von Testbiotech e.V., GeneWatch UK sowie PAN Europe erstellt hat. 2,4-D werde über die Haut aufgenommen, lasse sich im Urin nachweisen und stehe in Verdacht hormonell zu wirken, ist da zu lesen. Stein des Anstoßes war, dass zum Zeitpunkt des Berichts gentechnisch verbesserte Mais- und Sojasorten, die resistent gegen 2,4-D sind, in der EU vor der Import-Zulassung standen.

“Agent Orange”, “Dioxin”, “krebserregend”, “Gentechnik” – klingt nach einer perfekten Kampagne für Umweltorganisationen und Ökoparteien. Komisch: Warum hat sich denn hier niemand drum gekümmert? Ist der Name ev. zu sperrig? “2,4-D” klingt irgendwie total harmlos und kaum chemisch, “2,4-Dichlorphenoxyessigsäure” kann sich erst recht niemand merken – wahrscheinlich nicht kampagnenfähig.

Wie für Glyphosat stand im letzten Jahr für 2,4-D die Neubewertung an. Wie bei Glyphosat platzte bei 2,4-D die Einordnung der IARC mitten in den Zulassungsprozess. Und? Niemand regt sich darüber auf: Keine empörten NGO-Vertreter oder Parteimitglieder, keine Presseberichte – nichts. Völlig unbehindert von NGOs und Grünen Ökopolitikern ist im letzten Jahr 2,4-D einfach durchgewunken worden. Niemand hat angesichts der IARC-Einschätzung eine Überarbeitung der Risikobewertung gefordert. Na gut, 2,4-D ist in Gruppe 2B einsortiert worden, Glyphosat in Gruppe 2A, aber dieser feine Unterschied hätte einer breit angelegten Kampagne doch nicht ernsthaft im Wege gestanden – Hauptsache da steht “krebserregend”, ob “möglicherweise” oder “wahrscheinlich” ist doch egal.24d

Wie bei Glyphosat hätte man sich hier schön auf das Vorsorgeprinzip berufen können. Apropos Vorsorgeprinzip: Der Wirkstoff 2,4-D wird in Kombination mit Dicamba (Hilfe, Monsanto!) und Dünger vor allem im Hobbygarten-Bereich für Zierrasen eingesetzt. Zieht wirklich jeder Gärtner Handschuhe an, wenn er Dünger (mit ein Bisschen Pflanzenschutz) auf seinen Rasen streut? Wo bleiben die offenen Briefe an die Baumärkte? Wo bleibt das Verantwortungsgefühl? Oder sollte sich BIG GREEN schlichtweg abgesprochen haben, sich auf einen anderen Buhmann zu konzentrieren?

 

P.S. (Ergänzung vom 15. März 2016):

Der obige Blogbeitrag könnte missverstanden werden. Ich möchte daher ein paar Fakten zu 2,4-D ergänzen.

Das Wirkprinzip von 2,4-D beruht darauf, dass die Pflanze zum ungehemmten Wachstums angeregt wird, dabei ihre Stoffwechselreserven verbraucht und schließlich abstirbt. Die Pflanze wächst sich quasi tot. Gräser und auch Getreide sind resistent gegen 2,4-D.

Die oben erwähnten Anträge auf Import-Zulassung für 2,4-D-resistente Nutzpflanzen sind übrigens bis heute nicht beschieden worden. Agent Orange war eine Mischung aus verschiedenen Wirkstoffen. Die Verunreinigungen mit Dioxin entstanden vermutlich bei der Herstellung der zweiten Hauptkomponente, 2,4,5-Trichlorphenoxyessigsäure, und nicht bei der Herstellung von 2,4-D. 2,4-D ist akut giftiger als Glyphosat: Es hat einen LD 50 Wert (Ratte oral) von 375 mg/kg, während für Glyphosat ein Wert von 4870 mg/kg zu Buche steht.

Wahrscheinlich ist die korrekte Anwendung von 2,4-D nicht mehr und auch nicht weniger riskant für Mensch, Tier und Umwelt als die korrekte Anwendung von Glyphosat. Nur im letzteren Fall hat sich eine Armada formiert, die einen Stellvertreterkrieg angezettelt hat und mit Glyphosat als Sündenbock die gesamte moderne Landwirtschaft bekämpft. Das ist mein Kritikpunkt: Hier wurde und hier wird mit zweierlei Maß gemessen, und zwar nicht zur Gesundheitsfürsorge, sondern aus machtpolitischen Interessen.

 

 

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